Alisic: „Ich wollte das Handtuch werfen“

13.12.2005


Der FC Anker Wismar hat die schwächste Oberliga-Hinrunde der Vereinsgeschichte hinter sich. Trainer Enver Alisic bilanziert im OZ-Interview die erste Halbserie.

OZ: Ihr Klub steht auf einem Abstiegsrang, hat die meisten Gegentore kassiert und den Platz am häufigsten mit einer Niederlage verlassen. Wie schätzen Sie die Hinserie ein?

Alisic: Wenn man eine Mannschaft nicht selbst kreiert hat, kann man nur versuchen, den Schaden zu begrenzen. Das haben wir auch gemacht. Wir haben das Maximum herausgeholt – und das war nicht von Erfolg gekrönt. Wir haben daher schon seit Wochen einen Schnitt geplant. Wer uns mangels Niveau, beruflichen oder anderen Gründen nicht helfen konnte, muss eben durch fähige Leute ersetzt werden. Nur so können wir uns in der Oberliga stabilisieren und den Fans wieder Freude am Fußball machen.

OZ: Sie als erfahrener und erfolgreicher Trainer bekamen heftigen Gegenwind in Wismar zu spüren. Wie gehen Sie mit der Kritik um?

Alisic: Jeder Trainer muss damit leben. Wichtig ist es, ein Ziel vor Augen zu haben. Man muss ehrlich zu sich selbst sein, ob man die Erwartungen erfüllen kann. An Ankers Entwicklung in den vergangenen Jahren kann ich wenig ändern. Ich kann nur versprechen, dass ich den Klub mit meiner ganzen Erfahrung nach oben bringen werde. Der Vorstand muss auch seinen Teil dazu beitragen.

OZ: Welche konkreten Vorstellungen haben Sie in den letzten Wochen entwickelt?

Alisic: Wir wollen das soziale Umfeld unserer Spieler verbessern. Außerdem müssen wir professionelle Oberliga-Bedingungen schaffen. Die Spieler sollen sich wohl fühlen und gerne bei Anker spielen. Wenn das erreicht ist, überträgt sich die Harmonie automatisch auf die Mannschaft. Wir haben in dieser Hinsicht schon etwas auf den Weg gebracht. Mir macht mein Job bei Anker inzwischen mehr Spaß als zu Beginn.

OZ: Haben Sie jemals daran gezweifelt, mit Anker noch die Kurve zu kriegen?

Alisic: Sicher, nicht nur einmal. Ich wollte das Handtuch werfen. Ich konnte das natürlich nicht nach außen tragen. Ich habe mit unserem Präsidenten gesprochen und habe klar gesagt: Wenn sich hier nichts ändert, verliere ich nur Zeit. Ich behaupte, mit dieser Mannschaft hätte auch Trapattoni nichts anfangen können.

OZ: Ihre Kritiker würden an dieser Stelle behaupten, mit einer ähnlich dimensionierten Truppe hat Anker in der vergangenen Saison den Klassenerhalt geschafft.

Alisic: Damit bin ich nicht einverstanden, die verwechseln da etwas. Die Mannschaft der letzten Saison war besser. Durch individuelle Fehler von bestimmten Leuten haben wir Punkte verloren.

OZ: Wer war Ihr wertvollster Spieler in der Hinrunde?

Alisic: Laut Statistik war das Florian Zysk. Ich schaue mir nämlich alle Spiele auf Video an und gebe die Daten in den Computer ein. Ich traue meinen eigenen Augen auch nicht. Über die Ergebnisse staune ich manchmal selber. Tino Goebel und Josko Goreta gehörten auch zu den besten.

OZ: Was zeichnet diese Typen aus?

Alisic: Florian hat einen starken Drang zum Tor. Tino hat ein unglaubliches Laufvermögen. Josko ist durch seine Tore sehr wertvoll gewesen, bekam aber wenig Zuspiele. Ich hoffe, dass er bleibt.

OZ: Wie stehen die Chancen?

Alisic: Das hängt von ihm ab.

OZ: Sie haben für Verwunderung gesorgt, indem Sie sich Leute von der Ersatzbank der Reservemannschaft geholt haben, zum Beispiel Sebastian Peters.

Alisic: Erstaunlicherweise ist Peters der lauffreudigste Spieler in der ganzen Mannschaft. Er läuft über vier Kilometer pro Spiel. Es gibt Spieler bei uns, die laufen nur 950 Meter. Das ist zu wenig.

OZ: Wie wird sich Ihr Team zur Rückrunde verändern?

Alisic: Ich behalte von der Hinrunden-Mannschaft nur neun Spieler. Dazu gehören Zysk, Peters, Piersdorf, Kählert, Goebel, Donner, Köhlmann, Rosinski und vielleicht Goreta. Wahrscheinlich kommen elf Neue. Wir wollen auch Spieler aus dem eigenen Nachwuchs einbinden.

OZ: Was wünschen Sie sich für die Rückrunde?

Alisic: Schönen und erfolgreichen Fußball und dass die Zuschauer ins Stadion zurückkommen. Wir müssen acht bis neun von 15 Spielen gewinnen.

OZ: Ist das realistisch?

Alisic: Alles ist möglich, wenn man daran hart arbeitet.

Interview: Robert Schwarz